IPv6

KAPITEL 05 · NETZWERKE

IPv6 – Internet Protocol Version 6

Der Nachfolger von IPv4 mit 128-Bit-Adressen, vereinfachtem Header-Design und integrierten Sicherheitsfeatures. Die Zukunft des Internets – heute schon im Einsatz.

3,4 × 10³⁸ Adressen IPsec integriert SLAAC Auto-Konfiguration Dual Stack & Tunnel

Inhaltsverzeichnis

Schnellübersicht

Auf dieser Seite lernst du alles über IPv6:

  • Definition: Was ist IPv6 und warum wird es benötigt?
  • IPv4 vs IPv6: Warum brauchen wir IPv6?
  • Adressaufbau: 128 Bit, Hexadezimal, Doppelpunkt-Notation
  • Adresstypen: Unicast, Multicast, Anycast
  • Spezielle Adressen: Loopback, Link-Local, ULA
  • Subnetting: /64 als Standard-Subnetz
  • Konfiguration: SLAAC, DHCPv6, statisch
  • Übergang: Dual Stack, Tunneling, Translation
  • IPv6-Rechner: Interaktives Tool zur Adressanalyse
  • FAQ: Häufige Fragen & Antworten

1. Was ist IPv6?

Definition

IPv6 (Internet Protocol Version 6) ist die neueste Version des Internet-Protokolls, das definiert, wie Datenpakete über das Internet geroutet werden. Es wurde entwickelt, um das Adressknappheitsproblem von IPv4 zu lösen und bietet einen praktisch unbegrenzten Adressraum von 3,4 × 10³⁸ Adressen (340 Sextillionen).

IPv6 wurde von der IETF (Internet Engineering Task Force) in den 1990er Jahren entwickelt und 1998 als Standard verabschiedet (RFC 2460, später RFC 8200). Es verwendet 128-Bit-Adressen (statt 32 Bit bei IPv4) und schreibt sie in hexadezimaler Notation mit Doppelpunkten als Trennzeichen.

Warum IPv6? IPv4 bietet nur ~4,3 Milliarden Adressen – viel zu wenig für die wachsende Zahl an Geräten (Smartphones, IoT, Server). IPv6 löst dieses Problem und bietet zusätzlich vereinfachte Header, integrierte Sicherheit (IPsec) und bessere Autokonfiguration.

IPv6-Adressraum

Mit 3,4 × 10³⁸ Adressen könnte jedem Quadratmillimeter der Erdoberfläche eine eigene IPv6-Adresse zugewiesen werden. Das ist mehr als genug für alle aktuellen und zukünftigen Geräte – von Smartphones über Smart-Home-Geräte bis hin zu Sensoren in der Industrie.

2. IPv4 vs IPv6 – Warum der Wechsel?

IPv4 wurde 1981 entwickelt und bietet nur ~4,3 Milliarden Adressen. IPv6 löst dieses Problem und bringt viele Verbesserungen.

Direkter Vergleich

IPv4 (1981)

  • Adresslänge: 32 Bit
  • Adressen: ~4,3 Mrd.
  • Notation: Dezimal (192.168.1.1)
  • Konfiguration: DHCP oder manuell
  • IPsec: Nachgerüstet (optional)
  • Broadcast: Ja
  • Header: 20-60 Bytes (variabel)
  • Fragmentierung: Durch Router und Host
  • NAT: Häufig erforderlich

IPv6 (1998)

  • Adresslänge: 128 Bit
  • Adressen: 3,4 × 10³⁸
  • Notation: Hexadezimal (2001:db8::1)
  • Konfiguration: SLAAC + DHCPv6
  • IPsec: Integriert (standardisiert)
  • Broadcast: Nein (nur Multicast)
  • Header: 40 Bytes (fix)
  • Fragmentierung: Nur durch Host
  • NAT: Nicht erforderlich

Warum wurde IPv6 entwickelt?

  • Adressknappheit: Die 4,3 Milliarden IPv4-Adressen sind seit 2011 vollständig vergeben (IANA)
  • Internet of Things: Milliarden von Geräten brauchen eigene IP-Adressen
  • Mobile Geräte: Smartphones, Tablets, Wearables – jeder braucht eine Adresse
  • Wachstum: Besonders in Asien und Afrika gibt es zu wenige IPv4-Adressen
  • Ende von NAT: Jedes Gerät soll direkt erreichbar sein (Peer-to-Peer)

3. Vorteile von IPv6

IPv6 bietet zahlreiche Verbesserungen gegenüber IPv4:

Riesiger Adressraum

340 Sextillionen Adressen – genug für jedes Gerät auf der Erde und darüber hinaus. NAT wird überflüssig.

Effizienterer Header

Feste 40-Byte-Header (vs. 20-60 Byte bei IPv4). Keine Checksum → weniger CPU-Last. Optionale Extensions statt variabler Felder.

IPsec integriert

Verschlüsselung und Authentifizierung sind Teil des Standards. Ende-zu-Ende-Sicherheit wird einfacher.

SLAAC

Stateless Address Autoconfiguration – Geräte konfigurieren sich selbst ohne DHCP-Server. Einfachere Netzwerkverwaltung.

Besseres Mobile IP

Native Unterstützung für mobile Geräte. Geräte können das Netzwerk wechseln, ohne die Verbindung zu verlieren.

Kein NAT mehr nötig

Jedes Gerät hat eine öffentliche Adresse. Ende-zu-Ende-Konnektivität wird wiederhergestellt – P2P wird einfacher.

Multicast statt Broadcast

Keine Broadcast-Stürme mehr. Multicast ist effizienter und reduziert unnötigen Netzwerktraffic.

Einfachere Administration

Hierarchische Adressstruktur ermöglicht effizientes Routing. Kleinere Routing-Tabellen, schnellere Lookup.

4. IPv6-Adressaufbau

Eine IPv6-Adresse besteht aus 128 Bit, aufgeteilt in 8 Gruppen zu je 16 Bit, dargestellt in hexadezimaler Schreibweise mit Doppelpunkten als Trennzeichen.

Anatomie einer IPv6-Adresse

2001:0db8:85a3:0000:0000:8a2e:0370:7334
2001
0db8
85a3
0000
0000
8a2e
0370
7334
Netzwerk-Präfix (64 Bit)
Interface-ID (64 Bit)
Abkürzungsregeln

1. Führende Nullen weglassen:

  • 0db8 → db8
  • 0370 → 370
  • 0001 → 1

2. Zusammenhängende Nullblöcke durch :: ersetzen (nur einmal!):

  • 2001:0db8:0000:0000:0000:0000:0000:0001
  • → 2001:db8::1
Beispiele

Vollständige Adresse:

2001:0db8:0000:0000:0000:0000:0000:0001

Abgekürzt:

2001:db8::1

Loopback:

::1

Unspecified:

::

5. IPv6-Adresstypen

IPv6 kennt drei Haupttypen von Adressen – Broadcast gibt es nicht mehr, stattdessen wird Multicast verwendet.

Unicast

Eine Adresse für ein einzelnes Interface. Pakete werden an genau diesen Empfänger gesendet.

Global Unicast: 2001:db8::1
Link-Local: fe80::1
Unique Local: fd00::1

Multicast

Eine Adresse für eine Gruppe von Interfaces. Pakete werden an alle Mitglieder der Gruppe gesendet.

All Nodes: ff02::1
All Routers: ff02::2
Solicited-Node: ff02::1:ffXX:XXXX

Anycast

Eine Adresse für mehrere Interfaces, aber das Paket wird nur an das nächste gesendet (Routing-Entscheidung).

DNS-Server: 2001:4860:4860::8888
(Google Public DNS – nächster Server antwortet)

Spezielle Adressen

Adressen mit besonderer Bedeutung für Loopback, unbestimmte Adressen und lokale Netzwerke.

Loopback: ::1
Unspecified: ::
IPv4-mapped: ::ffff:192.168.1.1

6. Spezielle IPv6-Adressen

Bestimmte Adressbereiche haben besondere Funktionen im IPv6-Netzwerk.

Wichtige Adressbereiche

Loopback
::1/128

Entspricht 127.0.0.1 bei IPv4. Für lokale Tests – Paket verlässt den Host nie.

Unspecified
::/128

Entspricht 0.0.0.0. Wird verwendet, wenn noch keine Adresse zugewiesen ist (z.B. bei DHCPv6-Request).

Link-Local
fe80::/10

Automatisch generiert, nur im lokalen Netzwerk gültig. Wird für Neighbor Discovery und SLAAC verwendet.

Unique Local (ULA)
fc00::/7

Gesamter reservierter Adressbereich für Unique Local Addresses (ULA). Er umfasst sowohl fc00::/8 als auch fd00::/8 und ist nicht im Internet routbar.

Unique Local (ULA)
fd00::/8

Private IPv6-Adressen für interne Netzwerke (vergleichbar mit 10.0.0.0/8 oder 192.168.0.0/16 bei IPv4). In der Praxis wird der Bereich fd00::/8 verwendet. Nicht im Internet routbar.


192.168.1.100/24 → fd5a:abcd:efff:1::100/64

172.16.2.100/24 → fd5a:abcd:efff:2::100/64

10.0.3.100/24 → fd5a:abcd:efff:3::100/64

Global Unicast
2000::/3

Öffentliche, weltweit routbare Adressen. Der Großteil des IPv6-Internets nutzt diesen Bereich.

Multicast
ff00::/8

Alle Multicast-Adressen. Ersetzt Broadcast aus IPv4. Verschiedene Scopes (Link, Site, Global).

IPv4-mapped
::ffff:0:0/96

Darstellung von IPv4-Adressen in IPv6-Format. Wichtig für Dual-Stack-Systeme.

Documentation
2001:db8::/32

Reserviert für Dokumentation und Beispiele (wie 192.0.2.0/24 bei IPv4). Nicht im echten Netz verwenden!

Link-Local-Adressen automatisch generiert

Jedes IPv6-fähige Interface generiert automatisch eine Link-Local-Adresse aus dem Präfix fe80::/10 und der MAC-Adresse (modifiziert zu EUI-64). Diese Adresse wird für:

  • Neighbor Discovery Protocol (NDP): Finden anderer Geräte im lokalen Netz
  • Router Solicitation/Advertisement: Automatische Konfiguration
  • SLAAC: Stateless Address Autoconfiguration

7. IPv6-Subnetting

IPv6-Subnetting ist deutlich einfacher als bei IPv4. Die Standard-Subnetzgröße ist /64 – das gibt jedem Subnetz 2⁶⁴ (18 Trillionen) Adressen.

Typische IPv6-Adressstruktur

Global Routing Prefix
48 Bit
Vom ISP zugewiesen
Subnet ID
16 Bit
65.536 Subnetze
Interface ID
64 Bit
Host-Adresse
Gesamt: 48 + 16 + 64 = 128 Bit = /64 Subnetz

Subnetz-Beispiel

ISP weist zu: 2001:db8:1234::/48

Subnetze möglich:

  • 2001:db8:1234:0000::/64 (Subnetz 0)
  • 2001:db8:1234:0001::/64 (Subnetz 1)
  • 2001:db8:1234:0002::/64 (Subnetz 2)
  • ...
  • 2001:db8:1234:ffff::/64 (Subnetz 65.535)

Pro Subnetz: 2⁶⁴ = 18.446.744.073.709.551.616 Adressen (18 Trillionen!)

Warum immer /64?

  • SLAAC: Stateless Address Autoconfiguration benötigt genau 64 Bit für die Interface-ID
  • Privacy Extensions: Zufällige Interface-IDs für Datenschutz
  • Einfachheit: Keine komplizierten Subnetzmasken-Berechnungen wie bei IPv4
  • Kein Address-Saving: Bei 3,4 × 10³⁸ Adressen gibt es keinen Grund zu sparen

8. IPv6-Konfigurationsmethoden

IPv6 bietet mehrere Möglichkeiten, Adressen automatisch oder manuell zu konfigurieren.

SLAAC

Stateless Address Autoconfiguration

Automatisch ohne Server! Der Host generiert seine Adresse selbst aus dem Router-Advertisement und der eigenen MAC-Adresse.

  • Router sendet Router Advertisement (RA)
  • Host kombiniert Präfix mit EUI-64
  • Kein DHCP-Server nötig
  • Schnell und effizient
  • Privacy Extensions für Zufalls-IDs

DHCPv6

Stateful Configuration

Zentral verwaltet. Ein DHCPv6-Server weist Adressen zu und verwaltet sie – ähnlich wie DHCP bei IPv4.

  • Zentrale Adressverwaltung
  • Stateful: Server kennt alle Zuweisungen
  • Zusätzliche Optionen (DNS, NTP, etc.)
  • Stateless DHCPv6: Nur Optionen, keine Adressen
  • Gut für Unternehmen

Statisch

Manuelle Konfiguration

Manuell eingegeben. Die Adresse wird vom Administrator fest zugewiesen – für Server und wichtige Geräte.

  • Feste, vorhersehbare Adressen
  • Ideal für Server, Router, Drucker
  • Keine automatische Änderung
  • Mehr Administrationsaufwand
  • Gut für Dokumentation

EUI-64 – Interface-ID aus MAC-Adresse

Bei SLAAC wird die Interface-ID oft aus der MAC-Adresse generiert (EUI-64):

  1. MAC-Adresse: 00:1A:2B:3C:4D:5E
  2. In zwei Hälften teilen: 00:1A:2B und 3C:4D:5E
  3. FF:FE in der Mitte einfügen: 00:1A:2B:FF:FE:3C:4D:5E
  4. 7. Bit umdrehen (Universal/Local): 02:1A:2B:FF:FE:3C:4D:5E
  5. Ergebnis: Interface-ID = 021a:2bff:fe3c:4d5e

Privacy Extensions (RFC 4941): Moderne Systeme verwenden zufällige Interface-IDs, um Tracking über MAC-Adressen zu verhindern.

9. Übergang von IPv4 zu IPv6

Da IPv4 und IPv6 nicht direkt kompatibel sind, gibt es verschiedene Übergangstechnologien für den parallelen Betrieb.

Dual Stack

Beide Protokolle parallel. Geräte haben sowohl IPv4- als auch IPv6-Adressen und können beide Protokolle nutzen.

Beispiel:
IPv4: 192.168.1.100
IPv6: 2001:db8::100
→ Gerät kann mit beiden Welten kommunizieren

Tunneling

IPv6 in IPv4 verpacken. IPv6-Pakete werden in IPv4-Pakete eingekapselt und durch IPv4-Netzwerke getunnelt.

Protokolle:
• 6to4 (automatisch)
• Teredo (durch NAT)
• GRE-Tunnel
• IPsec-Tunnel

Translation

Protokollumwandlung. NAT64/DNS64 übersetzen zwischen IPv4 und IPv6 – ähnlich wie NAT bei IPv4.

Technologien:
• NAT64: Adressumwandlung
• DNS64: Synthetische AAAA-Records
• SIIT: Header-Translation
• 464XLAT: Mobilfunk

IPv6-Verbreitung (2024)

  • Google: ~42% der Anfragen kommen über IPv6
  • Facebook: ~50% IPv6-Traffic
  • Mobilfunk: Viele Provider nutzen IPv6 nativ (besonders in Asien)
  • Deutschland: ~50-60% IPv6-Verbreitung (Telekom, Vodafone, etc.)
  • Trend: Stetig steigend, besonders durch Mobile und IoT

10. Interaktiver IPv6-Rechner

Gib eine IPv6-Adresse ein und erhalte detaillierte Informationen über die Adresse.

IPv6-Adressanalyse

Nützliche IPv6-Befehle

  • Linux: ip -6 addr show – IPv6-Adressen anzeigen
  • Linux: ip -6 route show – IPv6-Routen anzeigen
  • Linux: ping6 ::1 – IPv6-Loopback testen
  • Windows: ipconfig /all – Alle Adressen anzeigen
  • Windows: ping -6 ::1 – IPv6-Loopback testen
  • macOS: ifconfig | grep inet6 – IPv6-Adressen filtern

11. Häufige Fragen & Antworten

Häufige Fragen zu IPv6

Warum brauchen wir IPv6, wenn wir NAT haben?

NAT (Network Address Translation) ist nur ein Workaround für das IPv4-Adressknappheitsproblem. Es hat mehrere Nachteile:

  • Verletzt Ende-zu-Ende-Prinzip: Geräte im Internet können nicht direkt auf Geräte hinter NAT zugreifen
  • Komplexität: NAT-Traversal für P2P-Anwendungen (VoIP, Gaming) ist aufwendig
  • Performance: NAT-Router muss alle Pakete übersetzen – zusätzlicher Overhead
  • Keine echte Lösung: NAT verschiebt das Problem nur, löst es aber nicht

IPv6 stellt die Ende-zu-Ende-Konnektivität wieder her und macht NAT überflüssig.

Ist mein ISP bereits IPv6-fähig?

Die meisten großen ISPs in Deutschland unterstützen bereits IPv6. Sie können es mit folgenden Tools testen:

  • test-ipv6.com: Testet Ihre IPv6-Konnektivität
  • ipv6-test.com: Detaillierte IPv6-Analyse
  • speedtest.net: Zeigt IPv4/IPv6-Verbindung an

Wenn Ihr ISP kein IPv6 bietet, können Sie Tunnel-Broker wie Hurricane Electric (tunnelbroker.net) nutzen, um IPv6 über IPv4 zu tunneln.

Was ist SLAAC und wie funktioniert es?

SLAAC (Stateless Address Autoconfiguration) ermöglicht IPv6-Geräten, sich ohne DHCP-Server selbst zu konfigurieren:

  1. Gerät sendet Router Solicitation (RS) an Multicast-Adresse ff02::2
  2. Router antwortet mit Router Advertisement (RA) – enthält Netzwerk-Prefix
  3. Gerät generiert Interface-ID aus MAC-Adresse (EUI-64) oder zufällig (Privacy Extensions)
  4. Gerät kombiniert Prefix + Interface-ID zur vollständigen IPv6-Adresse
  5. Gerät prüft mit DAD (Duplicate Address Detection), ob Adresse eindeutig ist

Vorteil: Kein DHCP-Server nötig, einfach und schnell.

Was sind Privacy Extensions und warum sind sie wichtig?

Privacy Extensions (RFC 4941) generieren temporäre, zufällige IPv6-Adressen für ausgehende Verbindungen, statt die MAC-Adresse zu verwenden.

Warum wichtig? Ohne Privacy Extensions könnte Ihr Gerät über die MAC-Adresse im Interface-Identifier über das Internet verfolgt werden – auch wenn Sie das Netzwerk wechseln. Privacy Extensions verhindern dieses Tracking.

Status: In den meisten Betriebssystemen standardmäßig aktiviert (Windows, macOS, Linux, iOS, Android).

Kann ich IPv4 und IPv6 gleichzeitig nutzen?

Ja! Das nennt man Dual-Stack und ist die empfohlene Migrationsstrategie. Ihr Gerät hat dann sowohl eine IPv4- als auch eine IPv6-Adresse und kann mit beiden Protokollen kommunizieren.

Vorteile:

  • Maximale Kompatibilität
  • Keine Übersetzung nötig
  • Schrittweise Migration möglich
  • IPv6-Verbindungen werden bevorzugt (Happy Eyeballs)

Happy Eyeballs: Moderne Betriebssysteme versuchen zuerst IPv6, und wenn das nicht funktioniert, fallen sie auf IPv4 zurück – ohne Verzögerung für den Benutzer.

Was ist der Unterschied zwischen Link-Local und Global Unicast?

Link-Local (fe80::/10):

  • Nur im lokalen Netzwerksegment gültig
  • Wird automatisch konfiguriert (SLAAC)
  • Nicht routbar über Router hinweg
  • Jedes IPv6-Gerät hat immer mindestens eine Link-Local-Adresse
  • Verwendung: NDP, Router Discovery, lokale Kommunikation

Global Unicast (2000::/3):

  • Öffentlich routbar im Internet
  • Wird über Router Advertisement oder DHCPv6 konfiguriert
  • Entspricht den öffentlichen IPv4-Adressen
  • Verwendung: Internet-Kommunikation, Server, Dienste
Wie teste ich IPv6 auf meinem Gerät?

Windows:

ipconfig /all # Suchen Sie nach "IPv6-Adresse"

Linux/macOS:

ip addr show # oder ifconfig

Online-Tests:

  • test-ipv6.com: Umfassender IPv6-Test
  • ipv6-test.com: Detaillierte Analyse
  • ping6 google.com: Ping über IPv6
Was ist NDP und wie unterscheidet es sich von ARP?

NDP (Neighbor Discovery Protocol) ist das IPv6-Äquivalent zu ARP (Address Resolution Protocol) in IPv4, aber mit erweiterten Funktionen:

  • Neighbor Solicitation/Advertisement: Ersetzt ARP (MAC-Adresse herausfinden)
  • Router Solicitation/Advertisement: Router entdecken (ersetzt DHCP für grundlegende Konfig)
  • Redirect: Router kann Hosts auf besseren Weg hinweisen
  • DAD (Duplicate Address Detection): Prüft, ob Adresse bereits vergeben ist

Vorteile gegenüber ARP:

  • Keine Broadcasts (nur Multicast)
  • Integrierte Sicherheitsfeatures (SEND)
  • Bessere Mobilitätsunterstützung
  • Automatische Konfiguration möglich
Was ist DHCPv6 und wann brauche ich es?

DHCPv6 ist der IPv6-Nachfolger von DHCP. Es gibt zwei Modi:

Stateless DHCPv6:

  • IPv6-Adresse wird über SLAAC konfiguriert
  • DHCPv6 liefert nur zusätzliche Informationen (DNS-Server, NTP, etc.)
  • Keine Zustandsverwaltung am Server

Stateful DHCPv6:

  • IPv6-Adresse wird über DHCPv6 zugewiesen (wie DHCP in IPv4)
  • Server verwaltet Zustand (welche Adresse an welchen Client)
  • Nötig, wenn SLAAC nicht ausreicht (z.B. zentrale Adressverwaltung)

Empfehlung: Für die meisten Netzwerke reicht SLAAC + Stateless DHCPv6 (für DNS). Stateful DHCPv6 nur bei speziellen Anforderungen.

Wie sicher ist IPv6 im Vergleich zu IPv4?

IPv6 bietet integrierte Sicherheitsfeatures, die in IPv4 optional sind:

  • IPsec: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Authentifizierung (standardmäßig unterstützt)
  • SEND (Secure Neighbor Discovery): Schützt NDP vor Manipulation
  • Privacy Extensions: Verhindert Tracking über MAC-Adresse
  • Keine Broadcasts: Reduziert Angriffsfläche für Broadcast-basierte Attacken

Aber: IPv6 ist nicht automatisch sicherer – es hängt von der Konfiguration ab. Firewalls, IPS und sichere Konfiguration sind weiterhin nötig.

Warum ist IPv6 noch nicht überall verbreitet?

Die Migration zu IPv6 ist komplex und zeitaufwendig:

  • Kein direkter Abwärtskompatibilität: IPv4 und IPv6 können nicht direkt kommunizieren
  • Investitionskosten: Hardware, Software und Schulungen müssen aktualisiert werden
  • Dual-Stack nötig: Lange Übergangsphase mit beiden Protokollen
  • NAT als Workaround: NAT hat IPv4-Knappheit "gelöst" – Druck zur Migration sinkt
  • Chicken-and-Egg-Problem: Inhalte nur mit IPv6 → Nutzer wechseln nicht; Nutzer nur mit IPv4 → Anbieter migrieren nicht

Status 2024: Weltweit ~42% IPv6-Adoption, in Deutschland ~50-60%. Mobile Netze führen (oft >60%), Festnetz hinkt hinterher.

Wie konfiguriere ich IPv6 auf meinem Router?

Die genaue Konfiguration hängt vom Router-Modell ab, aber die grundsätzlichen Schritte sind:

  1. Router-Login: Web-Interface des Routers öffnen (z.B. 192.168.1.1)
  2. IPv6 aktivieren: In den Netzwerkeinstellungen IPv6 einschalten
  3. Verbindungstyp wählen:
    • DHCPv6-PD: Prefix Delegation vom ISP (häufigste)
    • Native IPv6: Feste IPv6-Adressen vom ISP
    • 6in4/6to4: Tunnel über IPv4
  4. Firewall konfigurieren: IPv6-Firewall-Regeln setzen (incoming blockieren, outgoing erlauben)
  5. DNS konfigurieren: IPv6-DNS-Server eintragen (z.B. 2001:4860:4860::8888)
  6. Testen: test-ipv6.com aufrufen

Tipp: Viele moderne Router (Fritz!Box, ASUS, Ubiquiti) haben IPv6 standardmäßig aktiviert und konfigurieren sich automatisch über DHCPv6-PD.

Zusammenfassung

Die wichtigsten Punkte

  • 128-Bit-Adressen: 3,4 × 10³⁸ Adressen – praktisch unendlich
  • Hexadezimal-Notation: 8 Gruppen zu 16 Bit, getrennt durch Doppelpunkte
  • Abkürzungen: Führende Nullen weglassen, :: für Nullblöcke (einmal!)
  • Adresstypen: Unicast, Multicast, Anycast (kein Broadcast!)
  • Link-Local: fe80::/10 – automatisch auf jedem Interface
  • Unique Local: fd00::/8 – private Adressen (wie 192.168.x.x)
  • Global Unicast: 2000::/3 – öffentliche, routbare Adressen
  • Standard-Subnetz: /64 mit 18 Trillionen Adressen
  • SLAAC: Automatische Konfiguration ohne Server
  • DHCPv6: Zentrale Adressverwaltung (stateful)
  • IPsec: Integriert und standardisiert
  • Übergang: Dual Stack, Tunneling (6to4, Teredo), Translation (NAT64)

Weiterführende Themen

IPv4 & Subnetting

IPv4-Grundlagen, Subnetzmasken und CIDR-Notation im Detail.

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Routing & Switching

Wie Router und Switches IPv6-Pakete durch das Netzwerk leiten.

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Netzwerksicherheit

IPv6-spezifische Sicherheitsaspekte und IPsec-Konfiguration.

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WLAN-Technologien

IPv6 in drahtlosen Netzwerken und mobile Konfiguration.

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